TORU TAKEMITSU - Ein Portrait

„Ich hatte immer das Gefühl, dass er mit seiner Musik die Welt im Gleichgewicht hält." Paula Robison

Tôru Takemitsu wird am 8. Oktober 1930 in Tokyo geboren. Schon einen Monat nach seiner Geburt übersiedelt er mit seinen Eltern nach Taiyuan (Mandschurai/China).

Aus: Ongaku no yohaku kara - Watashi no Kami-Piano. "Kindheit - chinesische Musik - habe ich die überhaupt gehört". Nun ja, ich denke, eher nicht. Eher schon erinnere mich mich an die Melodien der vielen Schallplatten, die mein Vater mochte, alter Jazz - das war es auch schon. Aber ich entsinne mich ganz deutlich des Schocks, den ich kurz nach Ende des Krieges durch die Musik erlitt; während des Krieges - die US-Armee bereitete die Landung vor - errichtete die japanische Armee ihre Basen tief in den Bergen. Ich war vierzehn Jahre alt und arbeitete gemeinsam mit gleichaltrigen Kindern auf einer solchen "Baustelle". Alle waren wir aus Tokyo ausgesiedelt  worden und lebten in Baracken. Es waren überaus bittere Tage. Die Obrigkeit hatte alles Westliche verboten, englischsprachige Musik. Wenn Dinge aber verboten sind, dann sind sie für Kinder ein Muss; und so schwatzten wir vor der Nase der Soldaten englisch. Wir wurden bestraft und geschlagen. Aber nicht alle Soldaten waren derart grausam. Eines Tages nahm uns eine der Kadetten mit an einen Ort, der Abseits der Quartiere lag. Dort war ein Plattenspieler und einige Platten. (tbc.)

Erst im Alter von sieben Jahren tritt Takemistu erneut in Kontakt mit seiner Heimat; seine Eltern schicken ihn zu einer Tante, einer Koto-Spie­lerin, zurück nach Japan. Hier soll er die Grundschule besuchen, denn er beherrscht kaum ein Wort seiner Muttersprache. Die Familie folgt wenig später. Im Jahr darauf, 1938, stirbt der Vater. Trotzdem seine Tante sicherlich versucht haben wird, Ihm die traditionellen Klänge seiner Heimat nahezubringen, wird Takemitsu Jahrzehnte später in einem Interview sagen, daß japanische Musik auf Ihn zu dieser Zeit keinerlei Reiz ausgeübt habe.

Im letzten Kriegsjahr stemmt sich Japan mit allen Mitteln gegen die sich abzeichnende Niederlage. Der junge Toru ist gerade 14 Jahre alt, als er von der Schulbank weg rekrutiert wird. Für den sen­siblen und von Statur her schmächtigen jungen Mann bedeuten die erlittenen und erlebten Gewalttätigkeiten der Soldaten eine starke psychi­sche und physische Belastung. Doch beginnt in dieser düsteren Zeit wohl auch seine Geschichte als Komponist.

Die Zeiten für „westliche Musik“ sind schwierig, denn das ultra-nationalistische Regime untersagt die "Aufführung der Feindesmusik". Hatte er bisher nur durch seines Vaters Schallplatten zum Jazz der 30er Jahre Kontakt, sollte in Ihm das Hören eines französischen Chansons das Verlangen reifen lassen, Komponist zu werden: „Parlez-moi d’amour“, gesungen von Josephine Baker. Kurz nach Kriegsende beschließ er, in Tokyo Musik zu studieren, hat aber, wie er später einmal freimütig eingestehen wird, „keine Ahnung" wie er "das anfangen sollte“.....

Japan ist nach dem verlorenen Krieg von den Amerikanern besetzt. Deren Radiosender spielen neben Swing und Jazz vor allem auch klassische Musik. Hier hört er zum ersten Mal Aufnahmen von Toscanini und Gershwin – für Ihn die Entdeckung einer neuen, unbekannten Welt. „Jeden Nachmittag saß ich vor dem Radio. Ich könnte wirklich sagen: Das Radio war mein Lehrer.“ Mit Yasui Kiyose (1900 – 1981, Bild rechts) findet er schließlich einen Lehrer, der bereit ist, ihn zu unterrichten. Allerdings gestalten sich die „Unterrichtsstunden“ eher als Diskussionen, und im Prinzip bleibt Takemitsu Autodidakt. Für seine Entwicklung, für das hohe Maß an Authentizität, welches seine Werke aufweisen, soll sich dies als Vorteil erweisen; denn während seine Kollegen, die den akademischen Weg der Ausbildung beschreiten, Ihre Schöpfungen eher an westlichen Modellen und Vorgaben ausrichteten, kann Takemitsu seinen eigenen, unabhängigeren Weg beschreiten. Er beginnt, Tonaufnahmen mit Naturlauten und Alltagsgeräuschen zu vermischen und so im Stile der “Musique Concrete“, deren europäischer Vorreiter der Franzose Pierre Schaffer ist, zu komponieren. Er lernt Künstler aus allen möglichen Bereichen, wie Malerei, Bildhauerei und Literatur kennen, gründet mit einigen von Ihnen die Mixed-Media-Gruppe „Jikken Kobo“ („Experimentelle Werkstatt“) und begegnet hier auch dem späteren Literatur-Nobelpreisträger Kenzaburo Ôe, mit dem Ihm eine enge Freundschaft verbinden soll. In jener Zeit entsteht „Distance de Fée“, das „älteste unter den bis heute vollständig erhaltenen Werken Takemitsus“.

Im Jahre 1953 erkrankt er schwer; eine Lungenkrankheit, die damals als unheilbar gilt und ihn noch bis in die 60er Jahre heimsucht, zwingt Ihn auf das Krankenlager. Vier Jahre später hat sich sein Zustand weiter verschlechtert, trotzdem schreibt er sein frühes Meisterwerk, welches er, den Tod vor Augen, „Requiem“ nennt. Oftmals habe er, so erinnert er sich Jahre danach, nur ein oder zwei Takte pro Tag niederschreiben können. Das "Requiem" verhilft ihm zu internationaler Anerkennung, Igor Strawinsky ist begeistert, nennt es ein "Meisterwerk".

Als er sich endlich völlig erholt hat, leitet er mit John Cage ein Kompositionsseminar an der University of Hawaii. Es scheint einigermaßen widersprüchlich, daß ausgerechnet der Avantgardist Cage ihm die traditionelle japanische Musik nahebringt. Nun besinnt er sich seiner musikalischen Wurzeln und beginnt, vermehrt für traditionelle Instrumente zu komponieren. „Mir wurde damals klar, daß ich meine japanische Identität als Komponist nicht zu ignorieren brauchte“.

Im Jahre 1967 gelangt sein "November Steps" für Biwa, Shakuhachi und Orchester aus Anlass des 125. Geburtstages der New York Philharmoniker zur Aufführung. Mit Grausen erinnert sich Takemitsu an die erste Probe: Nachdem die Musiker ob der fremdartigen Klänge anfänglich noch verwundert gemurmelt hatten, brachen sie nach einiger Zeit in Gelächter aus! Und doch: Nicht nur diese Musiker, sondern auch das Publikum wird schließlich Takemitsus Absicht, beide Klangwelten, die europäische und die japanische in ihren wesentlichen Eigentümlichkeiten zu bewahren, sie nicht schlicht zu vermischen, sie also als lebende Einheiten nebeneinander bestehen zu lassen, verstehen.

Bereits zu Beginn seiner Karriere widmet er sich intensiv der Komposition von Filmmusik und arbeitet unter anderem mit Masaki Kobayashi und Nagisa Ôshima. Zu den brillantesten Arbeiten dieses Genres überhaupt zählen aber sicherlich die Arbeiten für Akira Kurosawa. Dabei war seine Arbeit mit dem "Kaiser" auch von Differenzen begleitet. Kurosawa bevorzugte die "mahlerische" Breite, während Takemitsu allzu Pompöses ablehnte und die "leisen Töne" bevorzugte. Und hört man die Musik zu "Ran", Kurosawas genialer "King Lear"-Adaption, so wird klar, dass sich der Regisseur hier wohl durchzusetzen vermochte; zwar steht anfangs noch die relativ simple Melodie einer japanischen Shakuhachi (Flötenart) im Vordergrund, doch schon bald verdichtet sich die Spannung zu einem voluminösen Streicherarragement. Doch in diesem Kompromiß liegt nichts "faules"; Takemitsu setzt auch hier auf das harmonische Miteinander japanischer und europäischer Konzeptionen und vermeidet banale "Exotismen".

Auch der Unterhaltungsmusik steht Takemitsu aufgeschlossen gegenüber; er mag den Jazz, die Populärmusik; Paul McCartneys Begabung beispielweise schätzt er sehr. Takemitsu bearbeitet bekannte Melodien wie „Summertime“, „What A Friend“ oder „Here, There and Everywhere“ für Gitarre neu.

In den folgenden Jahren wird Takemitsu mehr und mehr Motive und Elemente aus Lyrik, Malerei aber auch aus der Natur in seine Kompositionen einfließen lassen. So inspiriert ihn ein Gedicht des französischen Lyrikers Marcel Duchamp zu seiner Komposition „A Flock Descends Into The Pentagonal Garden“ (1977), und zu Ehren des 1983 verstorbenen spanischen Malers Joan Miró komponiert er 1984 „Vers, l’arc-en-ciel, Palma“. Auch begeistern ihn die Arbeiten des belgischen Surrealisten Paul Delvaux. Das Gitarrenkonzertes „To The Edge Of Dream“ widmet er ihm. Takemitsu hat „sein“ Orchester oft mit einem japanische Garten und sich selbst mit dessen Gärtner verglichen. Wie dieser Garten solle das Orchester nicht eine ideelle Landschaft darstellen, sondern vielmehr die Realität abbilden, die wirkliche Landschaft also getreu kopieren. Und wer den Garten nicht betritt, Ihn also nur von außen betrachtet, wird womöglich das Ganze sehen können, nicht aber verstehen – man muß den Garten also betreten und jeden Klang gesondert erforschen. Der Drang danach, Realität abzubilden, erklärt vielleicht auch seine Vorliebe für natürliche Klänge, in der „die Stille“ ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Element ist.

Am 20. Februar 1996 stirbt Toru Takemitsu, für die Meisten völlig überraschend, über der Arbeit an seiner ersten Oper. Niemand, selbst enge Freunde wissen nicht, daß er seit Jahren schwer erkrankt ist. „Er hat sich“, so schreibt die französische Zeitung „Liberation“ am Tag darauf, „aus seinem Garten entfernt“. Kein Bild wäre passender.

"Ich mag nichts, was zu rein oder zu raffiniert ist, ich interessiere mich wesentlich mehr für alles, was im wirklichen Leben existiert - und Filme sind voller Leben. Für mich wird etwas Reines erst mit etwas Grobem interessant."