Die frühen Jahre
Text sehr frei nach Burt, Peter, "The Music Of Toru Takemitsu" (Cambridge University Press, 2006)
Das 1992 erschienene "Family Tree - Musical Verses For Young People" ist eine verschlüsselte Anspielung auf Takemitsus eigene Biographie. Wenn uns das Mädchen, welche als Erzähler fungiert, ihren Vater vorstellt, erklingt Musik, wie wir sie aus der Bigband Ära des Swing kennen. Kennt man Takemitsus Biographie, so lässt sich leicht ergründen, warum er den Jazz als eine Metapher für seinen Vater betrachtet. Nachdem Toru Takemitsu am 08. Oktober 1930 in Tokyo, im Stadtteil Hongo, geboren wird, nimmt der Vater seinen Sohn noch im Geburtsmonat mit sich nach Dalian (Luda), einem Ort in der Mandschurei. Die Mandschurei wird von den Japanern als ihr Kolonialgebiet betrachtet, Takeo Takemitsu findet hier eine neue Arbeitsstelle. Hier kann er als Mitglied der privilegierten japanischen Minderheit seiner Passion nachhaltiger frönen als es ihm zuhause möglich gewesen wäre: der Beschäftigung mit seiner reichhaltigen Sammlung an Jazz-Platten. Sicherlich hat Takeo Takemitsu noch ein oder zwei weitere musikalische Vorlieben, welche einen Einfluss auf die Ausbildung der musikalischen Vorlieben seines Sohnes gehabt haben mögen, gehabt; so wird beispielsweise von Kuniharu Akiyama, dem Biographen Takemitsus, überliefert, Takeo habe eine zeitlang "wie besessen" Shakuhachi geübt und sogar einen ersten Preis in einem Wettbewerb gewonnen, bei dem es darum ging, Vogelstimmen zu imitieren. Aber es ist die ständige Wiederholung der Lieblingsplatte seines Vaters, der "Dixieland, New Orleans Style", die deutlich den nachhaltigsten Eindruck auf den heranwachsenden Komponisten macht. So sehr, dass er sich sogar ein halbes Jahrhundert später in einem Gespräch mit dem Komponisten Seiji Ozawa noch an Namen wie "Kid Ory And His Creole Band" erinnern kann. "Ein klein wenig dieser Jazz-Musik", so sagt er ihm, "ist immer noch in mir". Im Alter von sieben Jahren wird Takemitsu nach Tokyo zurückgeschickt, um hier die Grundschule zu besuchen, sein Vater folgt ihm ein Jahr später aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes; er stirbt schließlich 1938 auf Kagoshima (seine Mutter Raiko stirbt 1983). Takemitsu bleibt in Akebonosho (einem Tokyoer Stadtdistrikt) bei einem Onkel; dessen Frau ist Koto-Lehrerin.
Und vielleicht ist es die Verknüpfung dieser dauerhaften musikalischen Präsens mit einer Phase persönlichen Unglücks im Leben des Komponisten, die ihn zunächst so abweisend auf traditionelle Musik reagieren lässt. Der Komponist erinnert sich später: "Als ich ein Kind war lebte ich bei meiner Tante, einer Koto-Lehrerin, in Tokyo. Ich hatte also ständig traditionelle Musik um mich herum; aus irgendeinem Grund aber übte sie auf mich keine Anziehungskraft aus, berührte mich nicht. Wenn ich später traditionelle japanische Musik hörte, dann verband ich das stets mit den bitteren Erinnerungen an die Kriegszeit". Wie also diese Aussage deutlich macht, wurde die Abneigung gegen traditionelle japanische Musik noch durch die Kriegserlebnisse verstärkt, dann also, als "japanische" Musik eng mit der vorherrschenden Kultur des Militarismus verknüpft war und als - ähnlich wie in Nazi-Deutschland - andere Genres als "entartet" (das sprachliche Äquivalent "tekiseiongaku" bedeutet soviel wie "Musik feindlichen Charakters") verunglimpft wurden.
Mit der "Mobilmachung" im Jahre 1944 wurde auch Takemitsus Schulausbildung abrupt beendet. Man schickte Ihn zur Arbeit in eine Versorgungs-Einheit nach Saitama, wo er tief in den Bergen in unterirdischen Bunkern leben musste. "Dies alles", so erinnert sich der Komponist später, "war eine extrem bittere Erfahrung für mich". Eines Tages allerdings führte ein junger Offizier einige der Internierten in ein Hinterzimmer und spielte ihnen heimlich etwas von der verpönten Musik vor; er benutzte hierzu ein aufziehbares Grammophon, als Nadel diente ein vorsichtig gespitztes Stück Bambus. Anscheinend war eines der ersten Stücke, die der junge Soldat den jugendlichen Kriegshelfern vorspielte, Lucienne Boyers "Parlez-moi d'amour". Und für Takemitsu, dessen musikalische Diät in diesen Tagen lediglich aus patriotischen Kriegsliedern bestand, hatte dieses Chanson etwas von einer Offenbarung, und er sollte sich für den Rest seines Lebens an diese Begebenheit erinnern. "Für mich war das Hören dieses Liedes ein enormer Schock. Ich war fassungslos, und zum ersten mal wurde mir die ganze Qualität der westlichen Musik bewusst.
(tbc)